Die heutige Wirtschaftslage aus berufspädagogischer Sicht
Das duale System von Schule und Lehre ist durch die Jahre zu einem günstigen und äusserst wirtschaftsnahen Modell herangereift. Daher ist es nicht zu verstehen, warum der Bund eine massiv höhere Maturitätsquote anstrebt. 70 Prozent der Jugendlichen machen eine Berufslehre, aber nur 23 Prozent des Geldes vom Bund gehen an die Berufsbildung und Hochschulen, denn 77 Prozent des Kuchens dieser bundesweiten Bildungsgelder werden für die Universitäten und die beiden ETHs aufgewendet. Das widerspiegelt nicht den Bedarf, sondern die Priorität des Bundes.
180 bis 250 Parlamentarier in Bern kennen die klassische Berufsbildung nicht. Sie selber haben eine Schulkarriere mit Maturität und Universitätsstudium hinter sich. Es ist ganz einfach nicht gerechtfertigt, wenn die Schweiz wegen ihrer tiefen Maturitätsquote als Entwicklungsland bezeichnet wird. In den meisten OECD-Ländern besuchen die Jugendlichen in der Regel Gymnasien und später Universitäten oder sie bleiben in den lateinischen Ländern ohne jegliche nachschulische Ausbildung (z.B. Portugal, ca. 39 Prozent).
Wo es Berufslehren gibt, ist auch die Jugendarbeitslosigkeit vergleichsweise gering. Die Schweiz weist mit ca. 2.7 Prozent aller 15-24 Jährigen (Stand Mai 2011) den tiefste Wert von ganz Europa auf. Eine hohe Schulqualifikation nach Pisa-Normen sagt nichts über die berufliche Qualifikation aus. Finnland wird von gewissen Erziehungswissenschaftlern immer wieder als Vorbild hingestellt, hat aber im europäischen Vergleich eine bedenklich hohe Jugendarbeitslosenquote. Das finnische Bildungssystem ist arbeitsmarktfern. Die Jugendlichen absolvieren zum grossen Teil eine Art Mittelschule bis zu einem Abschluss mit Hochschulzugang. Und ist es ein Zufall, dass Genf die höchste Matura-, aber auch die höchste Arbeitslosenquote hat?
Nicht nur die Spitzenforschung, sondern ebenso die hervorragende Berufsbildung stärkt unsere internationale Konkurrenzfähigkeit. Ca. 60 Prozent der helvetischen Exportprodukte stehen im Qualitätswettbewerb (vorausgesetzt der Euro-Kurs sinkt nicht noch tiefer), lediglich ca. 40 Prozent im Preisvergleich. Schlussendlich sind es jedoch ca. 90 Prozent der Waren, welche sich im Ausland aufgrund von Qualitätsvorteilen verkaufen lassen.
Aus dieser Erkenntnis ergeben sich vier politische Hauptforderungen:
- Es gilt in Zukunft unsere CH-Diplome international und vor allem europäisch besser zu positionieren, um den Zugang auf dem ausländischen Arbeitsmarkt zu verbessern
- Die Weiterbildungsmöglichkeiten nach der Berufslehre müssen ausgebaut werden
- Die Berufslehre muss deutlich gestärkt werden
- Die Berufsmatura soll Grundlage und Zugang zur Fachhochschule sein. Dies soll auch für die Ausbildung zum Berufsschullehrer (Sek II) gelten.
